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Bernhard Wulff
Motto: Todgesagte leben langer
Bereits nach dem 3. Festival hiess es, dass man nicht mehr weiter mit einer finanziellen Unterstutzung rechnen kann. So manchen liesse das resignieren. Hier wurde man kreativ und hartnackig. Kreative Administration fand insofern statt, als wir kurzentschlossen 3 verschiedene Sponsorenkreise zusammenfuhrten - mit 3 verschiedenen Veranstaltungsformen, die sich aber - zufallig - alle fur 2 Tage uberlappten: unser Festival hatte also hilfreiche "Geschwister": eine internationale Konferenz der Konzertveranstalter mit Vortragen uber Kulturmanagement, sowie ein anschliessendes Internationales Festival der Improvisation. In Odessa weiss man dem Mangel zu begegnen: man reduziert nicht, sondern expandiert! Auch dank hartnackigen Verhandelns und der Unterstutzung vieler Institutionen und einiger privater Sponsoren, lebt also das Festival im 7. Jahr.
UND WIE!
Voller Freude lasst sich konstatieren, dass diese wichtigste Informationsplattform fur neue Musik in der Ukraine frisch und kraftvoll wie am ersten Tag ist; unverbraucht und originell, heiter, frohlich und prall, voll mit Informationen uber kunstlerische Entwicklungen in der Welt und Auffuhrungen auf hochstem und allerhochstem Niveau. Wo gibt es denn so etwas: das erste Konzert geht 15 Std. ohne Unterbrechung - bis morgens um 07:00 Uhr; und das bei vollem Saal und standing ovations fur die tapferen Musiker, die mit der ungewohnlichen Auftrittszeit von 06:30 zurechtkommen mussten. Und niemand wollte gehen. Man mochte bleiben, die Musiker aus fernen Landern festhalten - verweile doch - es war so schon... ein Fest der Sinne, Emotionen und der Heiterkeit und einfach mit nichts zu vergleichen
Das zweite Tag Konzert endete um 04:30 Uhr; anschliessend gab es ein Bankett, dann wurde ausgelassen getanzt. In Odessa lebt man gerne "barock" und mit Spass an ungewohnlichen Veranstaltungen. Man geniesst dort, woruber man sich anderenorts verschreckt zeigt, man schatzt den schrillen Spass, die Verkleidung, den freien Ausdruck - geniesst das pralle Leben. Man mochte meinen, in Odessa ist der Karneval zuhause; auch der Jazz muss hier erfunden worden sein; alle guten Witze sowieso -und manches mehr.... Es dauert eine Weile, bis man sich hier zurechtfindet; unsere Menschenkenntnis, die gelegentlich bei uns und auch in vielen anderen Landern hilft, sich im Alltag zurechtzufinden, greift hier sonderbarerweise nicht so recht. Es ist nicht immer einfach zu erkennen: was ist Realitat, was ist Theater, was ist echt, was gespielt, eine andere Gefuhlskultur setzt andere Ma?stabe.
Diese scheinbaren Ungewissheiten und scheinbare Gewissheiten macht aber auch den ganz besonderen Reiz, die Atmosphare dieser Stadt aus. Nichts ist klar, alles aber moglich. Rechne immer mit einem kleinen Wunder; es wird geschehen. Nur anderes als Du es erwartest. Und dann wird man glucklich sein uber diese wundervolle Uberraschung und die Qualitat farbigen Lebens. Die Vermischungen von Gewissheiten und Ungewissheiten machen auch eine Festivalveranstaltung zu einem bemerkenswertem Abenteuer - nicht nur fur die Vorbereitung aber auch wahrend der Auffuhrung: Buhne und Nicht-Buhne sind nicht immer auszumachen; reales Leben kann deshalb auf der Buhne stattfinden; Auffuhrungen werden dadurch ungewohnlich glaubwurdig und verlieren ihre kunstlerische Kunstlichkeit.
Das Festival war wieder am angestammten Ort: der Diskothek im Ukrainischen Zentrum; ein Raum, der sich hervorragend fur unser Festival-Konzept eignet. Er wurde jetzt etwas umgebaut und hat sogar noch gewonnen. Etwa 500 Zuhorer gehen hinein - meist waren es mehr - man sitzt um die Buhne herum und hat einen idealen Kontakt zu den Musikern. Das Festival ist im 7.Jahr und was fallt mir uber die Jahre als deutliche Anderung auf? Zuallererst das Publikum: es ist nach-wie-vor neugierig, aufgeschlossen und man hort jetzt sogar die sprichwortliche Stecknadel, wo fruher schon mal die Wodkaflasche umkippte; insgesamt ist das Publikum noch junger geworden; man hort differenziert, auch kritisch, kenntnisreich, aktiv und mit Genuss. Was will man mehr!
Und Odessa?
Die Stadt hat mehr Geschafte, internationale Boutiquen, ist deutlich teurer geworden (man fragt sich, wer denn hier kaufen soll, bei $50.- Monatslohn) und die Stadt ist (im Zentrum jedenfalls) -blitzsauber (!); diese Sekundartugend fallt auf, wenn man die Stadt vorher gekannt hat. Vor ein paar Jahren kaufte man im grossen Stil deutsche Abfall-Container; die grossen, grunen, hungrigen... Odessa putzt sich heraus und die Stadt ist schlichtweg sauberer, als die meisten deutschen Gro?stadte- (auch sauberer als Freiburg...)
Zum 7. Festival kamen 120 Gaste aus 20 Landern - nicht gerechnet die Gaste aus der Ukraine: aus Stockholm (grandios: Posaune und Schlagzeug), New York (erstklassig in Programm und Ausfuhrung: Ensemble Continuum), Paris (...das goldene Saxophone von Pierre...), Schweiz, Bukarest, Baku (mit neuer und traditioneller Musik aus Aserbaidschan), Wien, Amsterdam (der blitzende Klarinetten-Harlekin), Argentinien (...elekronisch...), Brasilien (dunkle Masken, dunkle Gedanken, dunkle Tanze), Korea (sonderbare, strenge Tanze, gutes Instrumentalensemble), Japan, Indien (...die magischen Talas von Udai Mazumdar...), England und und und... naturlich: Freiburg. Das Freiburger Schlagzeug-Quartett eroffnete und beschloss das Festival mit eigenem Repertoire und nahm an einem spannenden Gemeinschaftsprojekt mit koreanischen Tanzerinnern und einer Video-Performance teil. Man wird sich in Korea und in Kirgistan demnachst wiederbegegnen.
Wenn es das Festival von Odessa nicht gabe, musste es erfunden werden. Es ist mit Abstand die lebendigste Vermittlungsform neuer Musik, die sich denken lasst.
Man kann sich von den Menschen aus Odessa, den Odessiten, nur verabschieden, indem man verspricht: der erste Tag nach einem Festival ist der erste vor dem nachsten Festival.
Auf denn: das 8. Festival wartet auf uns!

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