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Karmella Tsepkolenko
Szenarische Ausarbeitung des musikalischen Materials
Meine sehr geehrten Herren und Damen,
Es ist mir sehr angenehm, bei Ihnen zu sein, um Ihnen mein Thema vorzutragen, und ich hoffe, daß es für Sie interessant und unterhaltsam sein wird. Nur so konnte unser heutiges Treffen zustande kommen. Ich hoffe auf Ihr Verständnis: Das, worüber ich sprechen möchte, hat nicht so sehr mit Bewußtsein und Sprache, sondern mit Unterbewußtsein und Gefühl zu tun. ber auch Gefühle sprechen, und die Sprache der Gefühle ist doch international.
Gewöhnlich verraten Komponisten keine Geheimnisse aus ihrer „schöpferischen Küche“. Der schöpferische Prozeß sitzt tief im Unterbewußtsein. Man wird nie erklären können, wie eine Musik entsteht. Ich werde auch nicht versuchen, das zu tun. Aber jeder Komponist hat Gründe, aus denen seine Musik entsteht. Schöpferische Stimulation erhält er aus den verschiedensten Dingen. Für den einen kann es Malerei, Literatur, für den anderen kontinuierliche Abwechslung von Eindrücken, für den dritten - eine zerstörende Leidenschaft u. s. w. sein. Die Geschichte kennt nicht wenige Beispiele, wie Komponisten, ihrer individuellen Stimulation folgend, ihr Leben in tragischer Entwicklung erfahren mußten.
Ich will Ihnen mein System der Stimuli vermitteln, jener Stimuli, die mir dazu verhelfen, meine schöpferische Energie zu konzentrieren und zu lenken. Die szenarische Ausarbeitung des musikalischen Materials - das ist ein System der nichtmusikalischen Handlungen und Taten, die zur Konzentration und zur schöpferischen Energie führen. Die szenarische Ausarbeitung ist ein Kontext mit der Musik, sie ist ein Milieu, woraus letzten Endes eine Musik entsteht.
In meinem Vortrag werde ich aus Zeitgründen nicht ausführlich auf meine Unterrichtsmethodik eingehen können. Ich beschränke mich auf die Darstellung einiger Schemata.
Zu meiner Klassifikation des ersten Typs der szenarischen Ausarbeitung gehört eine spontane Farbenplastik. Als Idee und Inhalt eines Werkes benutze ich den Farbenschlüssel einer Zeichnung. Die Energie der Farbenplastik ruft eine Tonstruktur hervor. Damit es klar wird, worum es geht, stellen wir einen kleinen schöpferischen Versuch an. Ich schlage jetzt jedem von Ihnen vor, ein eigenes Stimmungsporträt zu malen, in dem Sie acht Aquarellfarben benutzen. Bereiten Sie Farben, Pinsel und ein unbeschriebenes Blatt Papier vor. Vom oberen Blattrand lassen Sie vier Zentimeter frei und ziehen eine Horizontale. Im oberen Teil des Blattes werden Sie die aufeinanderfolgenden acht Farben festlegen: Bei der Wiedergabe Ihrer Stimmung sind alle acht Farben zu benutzen, und die Farbfolge, für die Sie sich entscheiden, wird oben notiert.Der Blattraum wird mit beliebigen Farbenpinselstrichen besetz.Ihr Bild soll keine Darstellungsweise,nicht gegenständlich sein.Zur Erfüllung dieser Aufgabe bekommen Sie 5 bis 7 Minuten.Wie Sie wollen.
Jetzt bitte ich Sie darum, sich anzustrengen, damit Sie sich Ihre Bilder (Stimmungsporträts) in Tönen vorstellen können.
Ich bitte Sie noch einmal, einen Blick auf das Bild zu werfen, das Sie gemalt haben. Auf den ersten Blick sind das zufällige Pinselstriche, aber wenn wir die Methode des österreichischen Psychotherapeuten Luscher gebrauchen, können wir die Farben zu sprechen zwingen. Sie erzählen uns, was der Autor selbst nicht direkt vermittelt, also Regungen des Unterbewußtseins: Wünsche, Leidenschaften, Depressionen, Verbote. Oft werden verbotene Wünsche, Bestrebungen, Leidenschaften ins Unterbewußtsein hineingedrängt, und danach kommen sie künstlerisch gestaltet zum Ausdruck.
Das, was Sie gehört haben, ist eine gute Ilustrattion dieser Behauptung. Wir sehen, daß eine der Hauptfarben und der damit verbundene Zustand in den Hintergrund des Unterbewußtseins verdrängt sind. In der Realität kann dieser (durch die Farbe gekennzeichnete) Zustand aus irgendwelchen Gründen von den Betroffenen nicht ausgelebt werden. Aber in der Kunstrealität ist es möglich und natürlich geworden.
In anderen Zeichnungen sehen wir, daß der Mensch nichts verdrängen kann, weil er selbst alles sichtbar macht. Die Musik entspricht dem durch die Farbe zum Ausdruck gebrachten Zustand.
Meiner Meinung nach kann jemand nur dann komponieren, wenn ihm ein Überschuß an Energie zur Verfügung steht, womit er seine verdrängte, komplexe Welt der nicht verwirklichten Wünsche zum Ausdruck bringen kann. Die szenarische Ausarbeitung ist im gegebenen Kontext die Untersuchung der Modelle fremder Gemütsbewegungen. Ihr Ausdruck in der Realität, das gemalte Modell, ist die Vorlage für das Komponieren eigener Musik.
Gleich demonstriere ich Ihnen Klavierstücke, denen solche Bilder Anregung für das Komponieren gegeben haben.
Eine etwas andere Form der Konzentration der schöpferischen Energie ist der Typ der szenarischen Ausarbeitung, die sich „Fabelentwicklung des musikalischen Materials“ nennt. Die Fabelentwicklung selbst besteht aus zwei Untertypen: aus den Ideeen und Literaturausarbeitungen. Eine Ideenausarbeitung des musikalische Materials stellt eine allgemeine Idee dar, um die herum sich Gefühle und Gedanken konzentrieren können. Manchmal kann das nur ein Wort, wie zum Beispiel „Duell“ sein. Nur das Wort selbst kann eine ganze Schicht der Gemütsbewegungen anregen: Vom Komischen bis zum Tragischen.
Ich habe eine ganze Reihe von Stücken komponiert, denen die Idee des Duells zugrunde liegt, eines davon demonstriere ich Ihnen gleich. Das ist das „Duell-Duo“ für zwei Bratschen. Die Hauptidee dieses Werkes ist der Wettbewerb zwischen zwei Musikern und zwei Musikinstrumenten. Jeder Musiker meint, daß er besser ist. Das Musikmaterial hat drei Grundmusikelemente: 1. lange, leise Töne; 2. Figur in accelerando; 3. Geräusche.
Im Geiste so einer lakonischen Ausarbeitung habe ich auch ein Orgelwerk komponiert. Es heißt: „Das Licht, das du hast, ob es kein Dunkel wäre?“ Anlaß und Inhalt ist dafür ein Bibelzitat gewesen, das im Titel steht. Oft werden zur Idee eines musikalischen Werkes Erlebnisse oder Erscheinungen, die uns Vergnügen bereiten. Ich habe zum Beispiel Kartenspielen sehr gern, und einmal verspürte ich den Wunsch, den emotionalen Sinn des Kartenspiels aufzudecken. So ist der Zyklus „Kartenspiel“ entstanden. Ich werde ihn gleich nur einen Teil aus diesen Zyklus demonstrieren.Es heisst “Abend Patience”fur Klavier solo.
Als Ideen dienen auch manchmal einige ganz abstrakte Begriffe. Zum Beispiel wurde der Grundidee meines Streichquartetts „Verherrlichung von vier Naturkräften“ der Gedanke eines vierfachen Codes zugrundegelegt. Der Menschheitsgeschichte ist eine Vielzahl von Codes bekannt: - der Code von Sonne-Mond bis hin zum Morsealphabet. Dreifache Codes - drei Brüder im Märchen, eine Triade der Götter. Vierfache Codes - Westen, Osten, Süden, Norden; Frühling, Sommer, Herbst Winter u.s.w...Die Idee eines vierfachen Codes legte ich zwei meiner Stücke zugrunde, dem Streichquartett „Verherrlichung von vier Naturkräften“ und dem „Aum Quintett.“ Das „Aum Quintett“ hören wir uns gleich an. Die Hauptidee dieses Musikstücks ist: ein Mensch begreift den Code des Weltalls, die Entstehung der Grundlagen des Sprachcodes. Laut der Hypothese von H. Marr reicht die Sprache bis zu den vier Anfangselementen zurück.
Die Idee eines zweifachen Codes führte zum „Zyklus des schwarzen Mondes“ für Violine und Klavier. Dieses Werk ist mit der Astrologie verbunden. Bekanntlich gibt es zwei Monde: einen schwarzen (unsichtbaren) und einen weißen (sichtbaren). Wie der Mondzyklus hat auch das Werk neun Bewegungen (Phasen). Die zwei Monde bewegen sich gleichzeitig und gegeneinander . Sie kommen einander näher und näher und treffen sich plötzlich für einen Augenblick, dann bewegen sie sich ausseinander weiter. Beim ersten Treffen steht der schwarze Mond im Vordergrund, und der weiße befindet sich dahinter
Beim zweiten Treffen ist der schwarze Mond nicht sichtbar, er steht hinter dem weißen. Hier sagt uns die Astrologie: Auch hinter dem gut Sichtbaren gibt es etwas, was unsichtbar dahinter steht. Der schwarze Mond ist da, auch wenn man ihn nicht sehen kann.
Die zweite Art der Fabelentwicklung ist eine literarisch-szenarische Ausarbeitung des musikalischen Materials. Eine literarische Ausarbeitung ist komplizierter als die Ideenausarbeitung. Sie ist grundsätzlich detalliert und soll, neben den Besonderheiten des deenanteils, damit auch zu „zünden“, hinreißen und die Phantasie anregen mit „Ereignissen“ und „Taten.“ Mit anderen Worten: Eine literarische Ausarbeitung stellt die wiedergegebene Idee einer verschteckten dramatischen Handlung mit Innenrollen und Neuerungslinien dar. Eine besondere Rolle spielt die literarische Ausarbeitung bei der Schaffung großer Werke. So habe ich dieses Prinzip angewendet bei der Komposition meiner Werke „Konzert-Drama für Klavier und Orchester“, „Geschichte der Puretanerinflöte.“
Wie die Fabelentwicklung sich aufbaut, werde ich am Beispiel meines Werkes „Ewige Gleichheit der Sonne“zeigen.
Die Vorgeschichte war so: Das Ensemble „Neue Musik aus Zürich“ hat bei mir die Musik bestellt. Im Verlauf einiger Monate versuchte ich, die Idee dieses Werkes zu entwickeln, aber nichts fiel mir ein. Die Gedanken, die entstanden waren, riefen bei mir keine Inspiration und keinen Wunsch zu komponieren hervor. Aber einmal habe ich mir den Film mit Jack Nicolson „Die Hexen aus Istwood“ angesehen, und die Fabel dieses Films wurde später Grundlage für die szenarische Ausarbeitung meines Werkes. Kurz lautet der Inhalt des Films so: ein reicher junger Mann verführt nacheinander drei reizvolle Mädchen - eine Journalistin, eine Cellospielerin und eine Malerin. Wie sie in seinem Palast wohnen, kommen sie allmählich dahinter, daß ihr Auserwählter niemand anderes als ein Dämon ist. Sie verabreden sich miteinander und verjagen den Dämon. Den Dämon sind sie los. Aber dafür werden die drei reizvollen Mädchen schwanger: Jede bringt einen reizvollen Knaben zur Welt.
Natürlich war mir klar, daß die Rolle des Verführers nur von Schlaginstrumenten übernommen werden konnten. Im vorliegenden Falle imponierte mir sehr die Idee eines guten Dämons. Der Mensch ist ein Kriterium der Dinge. Jedes schöpferische Individuum ist Anziehungsobjekt verschiedener richtungweisender Kräfte, sowohl der Fügung Gottes, als auch der dämonischen Verführung. Die Freiheit der geistigen Materie, die komplexen Handlungsebenen und Gemütsbewegungen, die Widersprüchlichkeit und Konsequenz geistiger Gegenbewegung - all das ist außerordentlich interessant. Und außerdem: Der Dämon selbst verkörpert in dem Kontext keinen richtigen Dämon, der Übel und Tod sät, sondern er wird zur Inkarnation des Weltalls, unbekannter Energiekräfte.
Gleich hören wir uns dieses Werkstück an, und Sie können hören, auf welche Weise dieser von mir erläuterte Gedanke seine materielle Verkörperung in Tönen gefunden hat.
Ich habe Sie kurz und skizzenhaft mit dem Verfahren vertraut gemacht, das mir zur Zeit Grundlage für mein eigenes kompositorisches Schaffen und für den Unterricht ist. Bei so einem Verfahren, Musik zu komponieren, spielt das unmittelbare Erleben eine herausragende Rolle. Die Komponistenindiviualität überschreitet die eigenen Grenzen, schließt sich mit anderer Individualität und anderen schöpferischen Personen zusammen.
Meine sehr geehrten Herren und Damen, nach meinen kurzen Ausführungen und Demonstrationen wird es natürlich keinem von Ihnen möglich sein, sich direkt meiner Prinzipien des Komponierens zu bedienen; aber ich hoffe, daß Sie - nachdem Sie meine Arbeit und Arbeitsweise kennengelernt haben, etwas Nützliches davon mit nach Hause nehmen können. Und ich hoffe weiter, daß ich nach diesem Zusammensein mit Ihnen, etwas Nützliches für mich lernen konnte.

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