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   Detlef Gojowy
ZUR ERFINDUNG DES RADES

   In niederländischen Emblembüchern des 16. Jahrhunderts kann man bereits Kinder abgebildet finden, die aus Papier Schwalben gefaltet haben und sie fliegen lassen, so wie sie dies heute weiter tun, und sie „Flieger" nennen. Flieger wurden bekanntlich erst zu Anfang des nun zu Ende gehenden 20. Jahrhunderts erfunden und entwickelt.
   Ähnlich ging es auch mit dem Rad. Archäologen haben nachgewiesen, dass es Jahrhunderte lang als Spielzeug existierte, bevor es seine praktische Nutzung erführ - zur Fortbewegung oder als Bestandteil von Maschinen. Man hat sich lange die Köpfe zerbrochen über diese Verzögerung. Dabei ist sie mit den Erfahrungen, die wir derzeit am Ende unseres Jahrhunderts sammeln können, gar nicht schwer zu erklären.
   Gehen wir von der Grundtatsache aus, dass das Rad ein Spielzeug war, und Spielzeuge gehören nun einmal gewiss nicht zum ernsten, praktischen Leben - sie sind ein Teil der privaten Lebensführung, wie Ihnen jeder Finanzbeamte erklären wird. Welche Kosten einer auch immer in die Entwicklung eines solchen Spielzeugs gesteckt hätte - es wären Kosten für eine Liebhaberei gewesen, und steuerlich nicht absetzbar.
   Vielleicht hätte jemand sogar ein philosophisches Werk geschrieben über das Rad als Gleichnis für die Weltharmonie, oder über das Rad als Emblem, mit moralischen Versen begleitet und mit einem Sinnspruch überschrieben, einer „Devise". In solchen Emblemsammlungen, wie wir sie anfangs erwähnten, kommen auch schon kugelförmige Gestirne oder gar die Gestalt der Weltkugel vor, und das zu einer Zeit, als es noch ein strafbedrohtes Vergehen war, die Erde anders denn als eine Scheibe aufzufassen. Die Erde als Kugel - als philosophisches Gleichnis war dies angängig, aber eben nur als solches. Ein derartiges poetisch-philosphisches Buch hätte geschrieben und gedruckt werden können, die Druckkosten wären Werbekosten gewesen, vom Autor zu tragen, und vom Verkaufserlös hätten die Steuerbeamten - damals nannte man sie Zöllner - lediglich sieben Prozent beansprucht statt wie üblich sechzehn. Eine Entwicklung des Rades hätte dadurch aber noch nicht stattgefunden.
   Zöllner waren umgängliche Leute - Jesus konnte sich mit ihnen an einen Tisch setzen, und dem Lao-Tse haben sie sogar die Niederschrift seines philosophischen Hauptwerks Tao-te-king entlockt! Ein anderer von ihnen hat für Johann Sebastian Bach die ganze Matthäuspassion betextet. Schwieriger waren die Pharisäer, die die Oberhoheit ausübten über das, was im Lande gerechnet und geschrieben wurde. Je weiter sie in diesen Künsten fortgeschritten waren und je ernster und wichtiger sie sie nahmen, desto weniger dachten sie daran, sie in Frage zu stellen oder von anderen stellen zu lassen, und so waren sie zu dem Ergebnis gelangt, dass das Rad sich nicht rechne. Kosten, die man in die Entwicklung des Rades gesteckt hätte, das bekanntlich ein Spielzeug war, wären hinausgeworfenes Geld gewesen, ein moralisch und gesellschaftlich unvertretbarer Luxus! Vertretbar wäre er allenfalls noch gewesen, wenn sich ein solch kostbares Spielzeug in größerem Umfang mit Gewinn hätte exportieren lassen, nach Mesopotamien zum Beispiel oder nach China. Dafür sprachen aber einstweilen keine Anzeichen - derartige Gedanken blieben eine kühne Spekulation. Spekulationen und Märchen gebührt jedoch kein Platz im öffentlichen Leben. Andere Pharisäer urteilten noch grundsätzlicher gegen die Entwicklung des Rades, und ganz unabhängig von seinen sinnlosen Kosten. Wer immer das Rad zur Fortbewegung nutzen wollte, dem konnten die herkömmlichen Wege für Vier- und Zweibeiner nicht mehr genügen, der hätte glatte Straßen gebraucht, glatte Straßen aber zerschneiden die Landschaft und entwurzeln zudem die Menschen, unsere Menschen, und machen sie ihrem Heimatboden untreu. In unserem Jahrhundert hat, wie wir wissen, vor allem der Kommunismus die Verkehrswege abgeschnitten und verkommen lassen - Kommunismus vertrug sich einmal nicht mit Kommunikation, die er auch sonst selbst zum eigenen Nachteil behinderte -, und wir dürfen die Bedenken früherer Herrscher und Bewahrer durchaus nicht für schwächer und unbegründeter einschätzen, handelten sie doch nach ihrem eigenen Verständnis immer für das Wohl der Menschheit!
   Dass sie die Rad-Romantiker und Phantasten einer Verfolgung ausgesetzt hätten, wollen wir deswegen gar nicht annehmen. Einfacher ist die Annahme, dass sie ihnen lediglich mit dem überlegenen, schwerhörigen Schweigen des Wissenden begegneten, des Professionellen, der eine Sache durchgerechnet und in allen Aspekten schon bedacht hat. An solchem Schweigen prallten alle Argumente ab, die da besagten, dass ja auch die Verkehrswege der Wanderer und Lasttiere die Landschaft irgendwie beeinträchtigten. Das Schweigen der Pharisäer besagte: Was Füße und Hufe anrichten, ist etwas Natürliches. Aber etwas Glattes, Gerades und Seelenloses stört die Harmonie der Welt, wie wir alle wissen.
   Reiter- und Nomadenvölker haben zu den glatten, geraden Straßen nie ein Verhältnis gehabt, zumeist auch kein eigenes Wort dafür. Die Ungarn nennen sie „put", wie ihre slawischen Nachbarn, und wir benutzen für unsere, im Rheinland immer noch gekrümmten Straßen das lateinische Wort unserer römischen Bezwinger: „strata". Erst sehr spät und allmählich beginnen wir in ihren schnurgerade die Landschaft zerschneidenden Linien so etwas wie eine Ästhetik anzuerkennen. Selbst bei den Griechen ging es noch menschlicher zu! Für den „Kampf der Wagen und Gesänge" hatten sie ihre kreisrunden Stadien und Amphitheater, aber um die Ergebnisse der Schlacht von Marathon zu übermitteln, brauchten sie einen Läufer! Am überlegenen Schweigen der Wissenden wird die Vermutung abprallen, bei der jahrhundertelangen Verzögerung in der Einführung des Rades hätten die Lasttierzüchter und Karawanenführer ihre Hände im Spiel gehabt. Dergleichen Vermutungen sind Spekulationen, und Spekulationen... siehe oben! Eines Tages ist das Rad dann aus Mesopotamien oder China zu uns gekommen, so wie die Null in unserem Zahlensystem aus Arabien: also aus dem Orient, wo die Grenzen zwischen dem praktischen Leben und den Märchen immer durchlässiger waren. Auch diese galt zunächst als ein philosophisches Symbol, ehe man begriff, dass man mit ihr auf eine bisher nie dagewesene Weise rechnen konnte.

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